Eigenverantwortung, Eigenverantwortung, Eigenverantwortung ...

„Die Aktivierung der gesundheitlichen Eigenkompetenz und Eigenverantwortung in allen gesellschaftlichen Schichten ist primäres Ziel. Jeder Einzelne trägt die Verantwortung für die Chancen und Risiken seines Lebens. Diese Eigenverantwortung gilt es zu stärken“ (aus: Kabinettsentwurf zum Präventionsgesetz vom 11.03.2013, Begründung). 

Diese Passage steht für das Selbstverständnis von Schwarz-Gelb, nach dem jeder Mensch seine Handlungen stets dem Primat von Gesundheitszielen unterzuordnen habe, um dem Sozialversicherungssystem, dem Staat und dem Arbeitgeber nicht krankheitsbedingt zur Last zu fallen. Dabei ist es nicht nur nicht möglich, sich in jedem Moment seines Lebens gesundheitsförderlich zu verhalten. Es entspricht auch nicht unserem bisherigen gesellschaftlichen Konsens einer selbstbestimmten Lebensführung. Diese Philosophie erklärt, warum nahezu alle Regelungen im Gesetzentwurf auf das individuelle Verhalten abzielen. 

Doch die Bundesregierung überschätzt die Bedeutung des individuellen (Risiko-)Verhaltens als Bestimmungsfaktor für Gesundheit und Krankheit. Man kann sich nur wundern, wie man die inzwischen über 30 Jahre gesundheitswissenschaftlicher Forschung in Deutschland so ignorieren kann. Gesundheit und Krankheit sind stets das Zusammenspiel verschiedener Teilursachen, die im Verhalten, in den Lebensverhältnissen und in den Genen verortet sind. Näherungsweise kann man sagen, dass die drei Faktoren jeweils ein Drittel ausmachen. Das ist erfahrungsgemäß auch mit größerem Erfolg verbunden als Versuche, das individuelle Verhalten zu verändern. An dieser Wahrheit hat Schwarz-Gelb offensichtlich kein Interesse, denn Verhaltensappelle sind einfacher und komfortabler: Die Verhältnisprävention, also die gezielte Veränderung der Lebensverhältnisse, spricht allerdings viele andere Politikbereiche an – die Umweltpolitik, die Verkehrspolitik, die Sozialpolitik, die Wirtschaftspolitik, die Arbeitsmarktpolitik, den Städtebau, usw. An der genetischen Ausstattung lässt sich nichts ändern, an den Lebensumständen schon. 

Dabei ist eine positive Veränderung der Lebensverhältnisse häufig erst der entscheidende Motivator zur Verhaltensänderung. Das kann beispielsweise der sichere, attraktive Radweg zur Arbeit sein. Sportmöglichkeiten am Arbeitsplatz. Flexible, selbstbestimmte Arbeitszeiten für ausreichende Erholungspausen. Auch gesetzliche Maßnahmen wie Werbe- und Sponsoringverbote für alkoholische Erzeugnisse und Tabakwaren oder Fahrverbote bei Überschreitung von Schadstoff-Grenzwerten. 

Die Eigenverantwortungsideologie der Bundesregierung diskriminiert diejenigen Menschen, die deutlich weniger Möglichkeiten/Ressourcen besitzen, „gesund“ zu leben. Die weniger Ressourcen haben, die es einfacher machen, sich für einen weniger riskanten Lebensstil zu entscheiden, z. B. was den Umgang mit Suchtmitteln betrifft. Zu diesen Ressourcen zählen typischerweise der Zugang zu Bildung und Information (Wo bekomme ich die beste Gesundheitsversorgung? Kann ich dem Arzt/der Ärztin gegenüber meine Beschwerden und Bedürfnisse klar formulieren?), das Einkommen (Wohne ich am schönen Park oder an der Hauptverkehrsstraße? Kann ich mir eine vielfältige, ausgewogene Ernährung leisten?) und der beruflicher Status (Bin ich unkündbar, von Arbeitslosigkeit bedroht oder bereits arbeitslos?). 

Die Chancen und Risiken des Lebens sind also genauso ungleich verteilt wie die Gesundheitschancen.

Primärprävention durch die Krankenkassen 2011

Ausgaben pro Versicherten (Euro)

Individueller Ansatz

        2,93

Setting-Ansatz

        0,94

Primärprävention gesamt

        3,87

GKV-Leistungsausgaben

2.423,16


Quellen: GKV-SV/MDS; BMG