Betriebliche Gesundheitsförderung: Mehr Geld nur für die Großen

Der Gesetzentwurf sieht eine deutliche Anhebung der Ausgaben der Krankenkassen für Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung vor. Lagen diese im Jahr 2011 bei 60 Cent pro Versicherten, sollen sie 2014 auf mindestens zwei Euro pro Versicherten steigen. TeilnehmerInnen an Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung wie auch den anbietenden Arbeitgebern können die Kassen (wie bisher) einen Bonus auszahlen. 

Neu ist eine Kann-Bestimmung für Krankenkassen, nach der sie (allein oder in Kooperation) Gruppentarife mit den Arbeitgebern abschließen können, in die sich dann die dort Beschäftigten einschreiben können. Mögliche Leistungen der Gruppentarife können auch Schutzimpfungen, koordinierte Beratungs- und Betreuungsangebote sein. Auch weitere Leistungen sind im Rahmen der Gruppentarife möglich. Für die Versicherten können die Kassen Mindestbindungsfristen festlegen. Zur Beratung der Unternehmen über die Möglichkeiten einer betrieblichen Gesundheitsförderung sollen die Kassen gemeinsame regionale Koordinierungsstellen bilden. Unterstützend soll sich auch die Kooperation der Kassen mit örtlichen Unternehmensorganisationen auswirken. 

Eine Erhöhung der Finanzmittel ist zunächst eine gute Nachricht. Kritisch zu betrachten ist allerdings die Beliebigkeit der Maßnahmen und Vereinbarungen für die Krankenkassen. Mindestbindungsfristen können zur Mitgliederbindung missbraucht werden, weil jegliche Vorgaben (Dauer, Ausgestaltung) fehlen. Die mögliche Kombination der Gruppentarife mit eher Marketing-orientierten Leistungen könnte einen unerwünschten Selektionseffekt zur Folge haben. Weniger der Versorgungsbedarf als vielmehr die Attraktivität für eine bestimmte Versichertenklientel könnte dann das Ziel sein. Das gilt gleichermaßen für die Auswahl der Unternehmen. Bis auf die bürokratischen Koordinierungsstellen werden keinerlei Maßnahmen ergriffen, auch kleinere und mittlere Unternehmen einzubeziehen. Bereits heute gehen die Kassen mit ihren Präventionsangeboten aus Gründen der Praktikabilität wie des Vertriebs fast ausschließlich auf die großen Unternehmen zu. Es gibt keinen Grund, warum sich das nun ändern sollte – ein schweres Versäumnis der Bundesregierung zulasten der Beschäftigten kleinerer und mittlerer Betriebe. Gleichzeitig wird es den kleineren Krankenkassen schwer fallen, ihren Versicherten vergleichbar gute bzw. attraktive Angebote zu machen, denn warum sollten die großen Kassen ihre Vertriebsaktivitäten mit anderen, kleineren teilen? Zumal sie sogar finanziell von einer Nichtkooperation profitieren, denn bei Unterschreitung des Mindestbetrags pro Versicherten sollen die nicht verausgabten Mittel den Kassen mit Angeboten zufließen. Aus den genannten Gründen dürften auch die vorgesehenen Beratungs- und Unterstützungsleistungen der Kassen verpuffen, zumal es für die Koordinierungsstellen keine organisatorischen Vorgaben gibt. Die Idee der Koordinierungsstellen erinnert an die schlechten Erfahrungen mit den Gemeinsamen Servicestellen der Rehabilitationsträger (Neuntes Sozialgesetzbuch: Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen). Weil auch für Qualitätssicherung und Evaluation jegliche Vorgaben fehlen, sind auch von diesen keine positiven Wirkungen oder nützlichen Erkenntnisse zu erwarten. Deshalb sind insgesamt große Zweifel angebracht, ob die zusätzlichen Finanzmittel für die betriebliche Gesundheitsförderung einer sinnvollen Verwendung zugeführt werden.

Primärprävention durch die Krankenkassen 2011

Ausgaben pro Versicherten (Euro)

Individueller Ansatz

        2,93

Setting-Ansatz

        0,94

Primärprävention gesamt

        3,87

GKV-Leistungsausgaben

2.423,16


Quellen: GKV-SV/MDS; BMG