Appelle und Boni erreichen nur die Mittelschicht

Verhaltensappelle laufen ins Leere

Die Erfahrungen der überwiegend am Verhalten der Versicherten ausgerichteten Präventionsaktivitäten der Krankenkassen zeigen: Mit Verhaltensappellen lassen sich nur wenige Menschen (kurzzeitig) dazu bewegen, sich ausgewogen zu ernähren, Sucht- und Genussmitteln zu entsagen oder regelmäßig Sport zu treiben. Das sind in aller Regel Personen, die über bessere Ressourcen (Bildung, Einkommen, beruflicher Status, gutes soziales Netzwerk, ...) verfügen und bereits einen überwiegend gesundheitsfördernden und sozial erwünschten Lebensstil pflegen. Mit diesem Gesetzentwurf wird sich dieses Präventionsdilemma, also die mittelschichtsorientierte Prävention fortsetzen und verstärken – zugunsten von Mitnahmeeffekten, aber vorbei am eigentlichen Bedarf. Die wenigen lebensweltlich orientierten Regelungen des Gesetzentwurfs werden daran nichts ändern, zumal sie voller handwerklicher Fehler sind und neue Fehlanreize auslösen werden.

Verhaltensbonus als Wettbewerbsinstrument der Kassen

Die Krankenkassen sollen an ihre Versicherten Boni in Form von Geldleistungen ausschütten, wenn diese regelmäßig an den ärztlichen Gesundheitsuntersuchungen und an den Angeboten der individuellen Verhaltensprävention teilnehmen. Die Boni der Krankenkassen sollen am Erfolg der Maßnahmen ausgerichtet werden, ohne dass weitere Vorgaben dazu gemacht werden. Das ist ein Einfallstor für gezielte Vertriebsaktivitäten der Kassen. Denn es ist für Menschen mit weniger Einkommen und weniger Bildung nicht nur schwieriger, über Verhaltensänderungen einen Bonus zu erhalten. Die Kassen können wegen der Beliebigkeit der Ausgestaltung gezielt ihren Bonus den Versicherten mit einem bereits „vorbildlichen“ Gesundheitsverhalten angedeihen lassen. Das ermöglicht zufällige Mitnahmeeffekte (ohne Anstrengung), führt zu sozialen Ungerechtigkeiten, zu Selektionseffekten. Nicht zuletzt fehlt das hier eingesetzte Geld für notwendige und sinnvolle Versorgungsleistungen.

Verhaltensprävention vermindert also nicht die sozial bedingte gesundheitliche Chancenungleichheit, sie vergrößert sie weiter.

Primärprävention durch die Krankenkassen 2011

Ausgaben pro Versicherten (Euro)

Individueller Ansatz

        2,93

Setting-Ansatz

        0,94

Primärprävention gesamt

        3,87

GKV-Leistungsausgaben

2.423,16


Quellen: GKV-SV/MDS; BMG