Die Entscheidung des EGMR zu Eizell- und Samenspende

Die Große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte EGMR hat Anfang November 2011 das in Österreich geltende Verbot von Eizell- und Samenspenden bestätigt. Der EGMR entschied mit großer Mehrheit (fünf der 17 RichterInnen äußerten abweichende Meinungen), dass ein solches Verbot nicht das in der Menschenrechtskonvention garantierte Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens verletze. In April 2010 hatte die erste Instanz des EGMR noch anders entschieden. Gegen dieses Urteil hatte die Regierung aus Wien Berufung eingelegt.

Das Verbot wird in Österreich damit begründet, dass ungewöhnliche Familienkonstellationen vermieden werden sollen. Dazu heißt es in der Pressemitteilung des EGMR: „Der Gesetzgeber war folglich insbesondere von dem Ziel geleitet, das grundlegende zivilrechtliche Prinzip aufrechtzuerhalten, dass die Identität der Mutter immer sicher feststeht, und der Möglichkeit vorzubeugen, dass zwei Frauen behaupten könnten, biologische Mutter desselben Kindes zu sein.“ Als weiterer Grund wird eine mögliche Gefahr der Ausbeutung von sozial benachteiligten oder unter Druck gesetzten Frauen angeführt.

Gründe, die für ein Verbot der Eizellspende sprechen

In Deutschland ist ebenso wie in Österreich die Eizellspende verboten, jedoch die Samenspende erlaubt. Eine solche Unterscheidung lässt sich gut begründen. Männliche Samenzellen lassen sich schnell und im Überfluss gewinnen. Eizellen dagegen müsse durch hormonelle Stimulation erzeugt und unter Narkose operativ dem Körper der Spenderin entnommen werden. Somit ist eine Eizellspende - anders als eine Samenspende - mit körperlichen Belastungen und dem Risiko massiver Nebenwirkungen verbunden. Laut TAB-Bericht können hormonelle Stimulation, Punktion und Narkose mit erheblichen medizinischen Komplikationen einhergehen und auch langfristig negative Folgen für die betroffenen Frauen haben. Bei der Hormonstimulation kann das Überstimulationssyndrom auftreten. In der schweren Form kommt es zu Flüssigkeitsansammlungen im Bauchraum und in der Lunge, Nierenversagen und Schlaganfall. In Einzelfällen führt dies zu Todesfällen. Risiken der Entnahme sind Blutungen und Organverletzungen. Bei Frauen, die öfter spenden, können die Eierstöcke vernarben - die Spenderinnen werden unfruchtbar.

Auffällig ist, dass es laut TAB-Bericht keine Studien gibt, die die psychologischen und medizinischen (Langzeit-)Folgen für die Spenderinnen untersuchen. Zu allen anderen Aspekten der assistierten Reproduktion liegen Studien vor. Der Wunsch, ein Kind zu bekommen, sollte nicht auf Kosten der Gesundheit anderer Frauen gehen.

Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass sich auch die „Eizellempfängerinnen“ entsprechenden Risiken aussetzen würden. Dies sind zum einen die allgemeinen Risiken der künstlichen Befruchtung: Hormonstimulation, hohe psychische Belastungen durch geringer „Erfolgs“quoten verbunden mit wiederholten enttäuschten Erwartungen, Mehrlingschschwangerschaften, hohe Kaiserschnitt- und höhere Frühgeburtenraten und geringeres Geburtsgewichts. Hinzu kommen können spezifische Probleme. Ungeklärt sind etwa mögliche immunologische Schwierigkeiten. Da ein fremder Embryo in den Körper der Empfängerin eingesetzt wird, sind Abwehrreaktionen nicht ausgeschlossen. Berichtet wird, dass die Empfängerin einer gespendeten Eizelle gegenüber einer Frau, die auf herkömmliche Weise schwanger wird, ein mehrfach erhöhtes Risiko für in der Schwangerschaft auftretende Erkrankungen hat. Mögliche Spätfolgen für Kinder, die aus der Eizelle einer Dritten stammten, sind weitgehend unerforscht.

Pressemitteilung des EGMR:

http://cmiskp.echr.coe.int/tkp197/view.asp?action=open&documentId=894733&portal=hbkm&source=externalbydocnumber&table=F69A27FD8FB86142BF01C1166DEA398649

TAB Bericht 139: Fortpflanzungsmedizin –Rahmenbedingungen, wissenschaftlich-technische Entwicklungen und Folgen

http://www.tab-beim-bundestag.de/de/pdf/publikationen/berichte/TAB-Arbeitsbericht-ab139.pdf