LDK in Rottweil - Pressestimmen
|
Stuttgarter Zeitung |
27.06.2005 |
|
|
Die Grünen im Südwesten
Auf Kurs
Von Renate Allgöwer
Die Grünen im Bund setzen sich von der SPD ab, und die Grünen im Südwesten tun es ihnen nach. Ihre Landesliste für die Bundestagswahl ist die Personifizierung des Spagats zwischen programmatischer Teilerneuerung und Verantwortlichkeit für die zu Ende gehende Regierungsperiode. Die Spitzenkandidaten Uschi Eid und Fritz Kuhn stehen als bisherige Abgeordnete beziehungsweise Regierungsmitglieder für Kontinuität. Mit dem 78-Prozent-Ergebnis für den Wahlkampfmanager Kuhn signalisieren die Grünen im Land Zustimmung zur Bundeslinie. Dazu kommt etwas mehr Jugendlichkeit durch Kerstin Andreae und Alexander Bonde, die auf der Liste weit nach vorne gerückt sind und damit an Bedeutung gewonnen haben. Ein Schritt nach links wird durch die Nominierung der Landesvorsitzenden Sylvia Kotting-Uhl und des Mannheimers Gerhard Schick getan. Und auch der Tübinger Winfried Hermann, häufig der Alibilinke, hat ein so gutes Ergebnis erzielt wie selten.
Von einem klaren Linksruck kann dennoch keine Rede sein. Der Landesverband der klassischen Realos schwenkt auf den Kurs im Bund ein und wahrt doch seine eigene Linie. Die baden-württembergischen Grünen wollen nichts wissen von Füllhornprogrammatik und paradiesischen Versprechungen aus dem Wahlprogramm der Bundespartei. Was versprochen wird, muss bezahlbar sein, lautet die Botschaft des Parteitags in Rottweil. Das Leitmotiv der soliden Finanzen haben auch die Linken selbst in den Vordergrund gestellt. Damit ist die Zielrichtung der Grünen im Land die alte: Sie bleiben in erster Linie bürgerlich und suchen ihre Wählerschaft dort - für den Bundestagswahlkampf wie den darauf folgenden Landtagswahlkampf.
|
Stuttgarter Zeitung |
27.06.2005 |
|
|
Das alte Kraftwerk als Birgitt Benders Schreckenskabinett
Stuttgarter Abgeordnete wird fast zur tragischen Figur - Grüne verzichten auf Metzger und setzen auf neue Wirtschaftsexperten
Die Grünen haben einen symbolischen Tagungsort gewählt. Das alte Kraftwerk in Rottweil wurde zum Schauplatz des Niedergangs von Oswald Metzger und des stillen Aufstiegs von Kerstin Andreae. Für Birgitt Bender mag es Züge eines Schreckenskabinetts haben.
Von Renate Allgöwer
Als Zeichen für Niedergang wollte keiner der Grünen den morbiden Ort sehen. Aus herausgebrochenen Mauern ragen im Kraftwerk Neckartal Stahlgitternetze, der Putz bröckelt, übrig gebliebene Rohre rosten vor sich hin. Als Tribut an die neue Nutzung für Kulturveranstaltungen oder Tagungen hängen künstliche rote Rosen als dichte Teppiche von der Decke in der Eingangshalle.
Claudia Roth, die Bundesvorsitzende war begeistert. Wenn das kein Beispiel sei, was die Energiewende bewirken könne, frohlockte sie und rief zum "knallgrünen Wahlkampf" auf, zu solidarischer Modernisierung und ökologischer Verantwortung. Wenn der eigenständige Kurs nicht reiche: "Opposition können wir auch", rief Roth den Delegierten zu und fand reichlich Beifall.
Diese Sehnsucht nach Opposition wurde mehrfach deutlich, zu deutlich für Rezzo Schlauch. Er will zwar nicht mehr in den Bundestag, aber "um die Gestaltungskraft" will er kämpfen. Mit geballter Faust rief er zum engagierten Wahlkampf auf, bei dem auch er kräftig mitmischen will, "um "das Heu in die Scheuer zu fahren". Denn "die Wahl ist mit Sicherheit noch nicht verloren". Erst danach wird Abschied gefeiert.
Der Abschied steht wohl auch Oswald Metzger bevor. Sein Comeback misslang. Gewohnt selbstbewusst warb der Biberacher für die "Marke Metzger", erinnerte daran, dass "die Partei groß geworden ist mit Querköpfen und Querdenkern". Kein Wort verlor er zu den Vorwürfen, er habe sich auf Kosten der Grünen profiliert: "Ich war das Gesicht in der Öffentlichkeit für grüne Politik." Metzger "hat den Begriff nachhaltige Finanzpolitik erst geprägt", dozierte er, präsentierte sich als das "authentische Original" und machte unmissverständlich klar: "Ich hoffe, das sehen hier mehr so, sonst bin ich in dem Laden falsch." Die Mehrheit sah es nicht so. Die Mehrheit gab auf allen drei Plätzen, auf denen Metzger antrat, den Gegenkandidaten den Vorzug. Alex Bonde, dem 30-jährigen Mitglied des Haushaltsausschusses und Wehrexperten, Winne Hermann, der als Vertreter der Linken betonte, "wir Grünen müssen sagen, woher das Geld kommt", wenn mehr soziale Gerechtigkeit angestrebt wird.
Auf Platz acht setzte sich Gerhard Schick durch. Er passt ins neue Bild der baden-württembergischen Grünen, die Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik als das zentrale Wahlkampfthema ansehen und das Feld mit Wirtschaftsexperten ausfüllen wollen. Schick ist Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Finanzen, als Volkswirt und Finanzwissenschaftler ein Kenner der Materie und gleichzeitig im linken Lager angesiedelt. Nach der Wahl zu Platz acht war die bundespolitische Karriere Oswald Metzgers auch für die kommende Legislatur beendet.
Das Scheitern Metzgers war erwartet worden, die tragische Figur des Parteitags wurde wider Erwarten die Stuttgarter Abgeordnete Birgitt Bender. Selbstbewusst war die Sozialpolitikerin auf Platz eins angetreten. Sie hat sich innerhalb von drei Jahren eine Position im Bundestag erarbeitet, für die andere - wie Fritz Kuhn meint - zwei Legislaturperioden brauchen. Und sie war von vielen gegenüber Uschi Eid, die die Grünen im Land seit 1994 ununterbrochen in den Wahlkampf führt, favorisiert worden. Die Stimmung schien für einen Wechsel an der Spitze zu sprechen, angesichts der aktuellen Diskussionen schien die Gesundheitsexpertin Bender gegenüber der Afrikakennerin Eid im Vorteil.
Keine von beiden redete sich in die Herzen der Delegierten, das gelang der Landesvorsitzenden Sylvia Kotting-Uhl am besten. Trotzdem hatte Eid am Ende die Nase vorn. Nach einer staatstragenden Rede brach sich ihr berühmter Kampfgeist in der Fragerunde Bahn. Die Vorlage lieferte ausgerechnet ihr Tübinger Intimfeind Walter Schwenninger vom linken Flügel. Der spielte auf das Alter der 56-jährigen Nürtingerin an. Das könne doch kein Thema sein, empörte sich Eid unter dem Jubel der Delegierten, und überhaupt, was schere sie Tübingen. "Eritrea, nicht Tübingen ist meine Basis", wetterte die Entwicklungspolitikerin und erhielt neun Stimmen mehr als Bender. Diese zog für den zweiten Wahlgang zurück und musste am Ende um Platz sieben bangen. Auf Platz drei hatte sie verzichtet und dadurch den Weg für den Durchmarsch der 36-jährigen Freiburgerin Kerstin Andreae geebnet. Die Kommunalexpertin empfahl sich als Führungskraft der Zukunft. Dann liefen aus Benders Sicht die Absprachen im Realolager schief, die dem linken Flügel zugeordnete Sylvia Kotting-Uhl machte mit sechs Stimmen Vorsprung vor Bender in ihrem dritten Anlauf das Rennen um Platz fünf - für Winfried Kretschmann, den Fraktionschef im Landtag "die Überraschung des Tages". Offenbar wollte die Basis ihre Vorsitzende nicht beschädigen. Danach bedurfte es der Überredungskunst zahlreicher Parteifreunde, damit Bender noch einmal antrat. Erst nach weiteren zwei Wahlgängen konnte sie davon ausgehen, dass sie auch im nächsten Bundestag sitzen wird. "Am 19. September kräht kein Hahn mehr danach", kommentierte Fritz Kuhn, der als Einziger ohne Gegenkandidat blieb und mit überzeugender Mehrheit von 78 Prozent Platz zwei verteidigte. Bender seufzte nur noch: "Demokratie kostet manchmal Nerven."
[ top ] [ druckversion ] [ barrierefrei ] [ home ] [ hilfe ] [ mail ]

