Die Debatte um die Präimplantationsdiagnostik - einige frauenpolitische Erwägungen

Gesellschaftspolitische Kommentare März 2011

Die BefürworterInnen der Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland begründen dies oft frauenpolitisch: Der mit der PID verbundene Fortschritt dürfe Frauen nicht vorenthalten werden und erspare vielen Frauen großes Leid.

Treffen diese Argumente zu oder werden Frauen und ihre individuellen Anliegen benutzt, um weitergehende Ziele zu verfolgen? Ich befürchte ja, denn von Seiten der Fortpflanzungsmediziner werden die Regelungen des Embryonenschutzgesetzes immer wieder und mit unterschiedlichen Forderungen in Frage gestellt. Dies reicht von der Abschaffung der 3er-Regel bis zur Ermöglichung von Eizellspenden. Auch hierbei wird mit Vorteilen für Frauen argumentiert, aber die Kehrseite der Medaille - die damit für diese oder andere Frauen verbundenen Belastungen – wird verschwiegen.

Vom Deutschen Frauenrat liegt keine aktuelle Stellungnahme zur PID vor. In der Vergangenheit – anlässlich des Mehrheitsvotums des Nationalen Ethikrates aus dem Jahr 2003 für den Vorschlag, die PID unter bestimmten Voraussetzungen zu erlauben – war die Ablehnung eines solchen Vorschlags durch den DFR jedoch eindeutig. Die damalige Vorsitzende Dr. Inge von Bönninghausen erklärte via Pressemitteilung: "Die PID ist ein Selektionsverfahren. Wer sie eingeschränkt zulassen will, öffnet die Türe für eine Qualitätskontrolle von Leben. Wir befürchten, dass der Druck auf Frauen steigt, ein "perfektes Baby" zu bekommen und die Diskriminierung von Behinderungen gefördert wird."

In dieselbe Richtung argumentieren ExpertInnen aus Praxis und Wissenschaft in einer Mitte Februar 2011 veröffentlichten Stellungnahme, die unter anderem vom Arbeitskreis Frauengesundheit (AKF), dem Deutschen Hebammenverband (DHV) und der Bremer Landesfrauenbeauftragten unterzeichnet ist.

Risiken und Nebenwirkungen berücksichtigen

Wenn man den BefürworterInnen der PID zuhört, dann könnte man glauben, dass diese für alle betroffenen Paare die Lösung sei, dass sie unkompliziert und ohne Risiken sowie mit sehr hohen Erfolgsquoten verbunden sei. Ein nüchterner Blick auf die Fakten zeigt, dass dem nicht so ist.

Die meisten Paare, die für eine PID in Frage kommen sollen, sind nicht unfruchtbar – wie bei einer künstlichen Befruchtung (IVF) bisher Voraussetzung -, sondern in der Lage, ganz normal schwanger zu werden. Da für eine PID eine künstliche Befruchtung jedoch Voraussetzung ist, muss sich die Frau einer Hormonbehandlung und einem operativen Eingriff unterziehen, die mit nicht unerheblichen Risiken für sie und das werdende Kind verbunden sind und deren „Erfolgs“quote gering ist.

Für die PID werden mehr Embryonen als für die normale IVF benötigt. Dafür ist eine höhere Hormonstimulation notwendig. Diese kann mit massiven Nebenwirkungen verbunden sein. So sind in den Jahren 2003-2005 in Großbritannien 4 Frauen aufgrund einer Hormonüberstimulation im Rahmen einer IVF gestorben.

Die IVF ist außerdemmit einer sehr deutlich erhöhten Quote von Mehrlingsschwangerschaften verbunden, die für Mütter und Kinder mit hohen gesundheitlichen Belastungen aufgrund von Frühgeburten einhergehen. Auch dies kann tödliche Folgen für die werdenden Mütter haben. Zwischen 2003 und 2005 sind in Großbritannien 3 Frauen im Rahmen einer IVF-Behandlung an Komplikationen einer Mehrlingsschwangerschaft gestorben.

Bei einer PID und der damit verbundenen künstlichen Befruchtung tragen Frauen die gesundheitlichen Risiken alleine. Wenn der Wunschvater Träger einer genetischen Veränderung ist, könnte die Alternative auch eine Samenspende sein. Diese Möglichkeit wird meist nicht thematisiert. Sie kann das Risiko für die Frauen jedoch auf das einer normalen Schwangerschaft reduzieren.

Die Grenzen des technisch Machbaren beachten

Die IVF ist mit einer hohen psychischen Belastung der Frauen verbunden, weil die „Erfolgs“quoten gering und sie damit dem Kreislauf „Erwartung und Enttäuschung“ ausgesetzt sind. Die sogenannte „Baby-take-home-Rate“ beträgt in Deutschland etwa 17 %. Mit der Anwendung der PID sinkt nach internationalen Erfahrungen diese Quote weiter: Nur 14,9 Prozent der Befruchtungszyklen und 11,5 Prozent der nach PID implantierten Embryonen führen zur Geburt eines Kindes.

Das Argument, durch die PID würde das Leid, keine eigenen (gesunden) Kinder zu bekommen, aufgehoben und mögliche Spätabbrüche verhindert, ignoriert neben der geringen „Erfolgs“quote die Möglichkeit falscher Testergebnisse. Ebenso wird außer Acht gelassen, dass auch nach einer PID in sehr vielen Fällen eine (invasive) Pränataldiagnostik (PND) durchgeführt wird und zu späten Abbrüchen führen kann. 95 % der Behinderungen entstehen während des Lebens. Von den etwa 5 % Behinderungen, die vor oder während einer Geburt entstehen, haben nur 20-30 % eine genetische Ursache. Das bedeutet, dass selbst eine erfolgreiche PID keine Garantie für ein gesundes Kind ist.

Dem Trend zur technischen Kontrolle der Schwangerschaft entgegen treten

Die PID verstärkt die Tendenz zur Medizinalisierung von Schwangerschaft und Geburt. Auch die PND war bei ihrer Einführung für einige spezielle Fälle gedacht. Inzwischen wird sie faktisch flächendeckend und unhinterfragt angewendet. Frauen, die keine PND in Anspruch nehmen wollen, müssen dafür kämpfen. Die gut informierte selbstbestimmte Entscheidung der Schwangeren für oder gegen die PND will das GenDG stärken - die Realität sieht (noch?) anders aus. Gegen diese zu beobachtenden Tendenzen, regt sich Widerstand: Exemplarisch genannt sei hier das Positionspapier „Es ist höchste Zeit, den Umgang mit Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zu überdenken“ des Arbeitskreises Frauengesundheit (ein Zusammenschluss von Expertinnen aus dem Bereich Gesundheit). Auch die – bisher erfolgreichste öffentliche - Petition der Hebammen mit dem Ziel der freien Wahl der Geburtsorte setzt indirekt ein Zeichen gegen die international unübliche Arzt- und Überwachungszentrierung der Betreuung von Schwangeren und Gebärenden in Deutschland.

Für ein weites und vielfältiges Familienbild

Die Möglichkeit der PID würde den gesellschaftlichen Druck auf Paare verstärken, ein biologisch eigenes Kind auf die Welt zu bringen. Aus Bürgerbriefen und Gesprächen weiß ich von den Erwartungen vieler Paare, dass dieses Anliegen vollständig durch öffentliche Gelder finanziert werden soll. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Paare bereit sind, fast alles zur Erfüllung ihres Wunsches nach einem biologisch vom Paar selbst abstammenden Kind zu unternehmen und sie oft eine langjährige Odyssee hinter sich haben.

Die mit der PID verbundene gesellschaftliche Höherbewertung der biologischen Elternschaft gegenüber der sozialen Elternschaft ist strukturkonservativ und stärkt eine angeblich „normale“ Familienform, die sich längst (z.B. durch hohe Scheidungsraten) in der Auflösung befindet. Die Übernahme einer langfristigen zuverlässigen Beziehung und Verantwortung für Kinder, die entweder biologisch oder juristisch nicht mit dieser Person verwandt sind, ist in vielen Fällen Realität und sollte gesellschaftlich gefördert und gestärkt werden. Für verheiratete Paare, die sich für eine Schwangerschaft mit Hilfe einer Samenspende entscheiden, ist die soziale Vaterschaft automatisch mit der juristischen verbunden. Dies ist bei lesbischen oder schwulen Paaren anders: Die juristische Elternschaft kann nur über eine Stiefkindadoption erreicht werden.

Das Selbstbestimmungsrecht von Frauen ernst nehmen

Das Verbot der PID stellt weder das Selbstbestimmungsrecht der Frauen noch die berechtigte Forderung, dass Frauen allein über ihren Körper bestimmen dürfen, in Frage. Bei einer Entscheidung über die Fortsetzung oder das Beenden einer Schwangerschaft existiert eine elementare Konfliktsituation, bei der Grundrechte von Fötus und Mutter im Widerspruch stehen. Dabei muss die körperliche und seelische Gesundheit der Schwangeren im Vordergrund stehen, da das Leben des Fötus unabdingbar an sie gebunden ist. In dieser Frage unterscheidet sich meine Position von der einiger meiner MitstreiterInnen für ein PID-Verbot deutlich. Bei der PID hingegen handelt es sich nicht um einen Akt der Selbstbestimmung der Frau, sondern um die Fremdbestimmung über ein potentielles anderes Leben. Losgelöst davon, wer die Auswahl vornimmt – die Frau, die sich der PID unterzieht oder die ÄrztInnen, die diese durchführen –, sind diese nicht unmittelbar betroffen. Den „Vorteil“ des Aussortierens bestimmter Embryonen für die Frauen steht gegenüber, dass damit über fremdes Leben verfügt und ein Signal der Ausgrenzung an lebendige Menschen mit Behinderung gesendet wird.

Gute Gründe für ein Verbot der PID

Ich verstehe, dass Paare, die z.B. Tot- oder Fehlgeburten erlebt haben, leiden und den Wunsch nach einem gesunden Kind verspüren. Diese Hoffnung kann die PID in wenigen Fällen erfüllen, jedoch zu einem hohen Preis. Eine Gesellschaft gleicher Rechte und Teilhabe ist nicht vereinbar mit der Freigabe der Vorabentscheidung über Leben, das gelebt oder nicht gelebt werden darf. Ein immer weiter um sich greifendes medizinisches Optimierungsstreben verletzt und stigmatisiert alle Menschen, die sich bewusst gegen die Idee der Machbarkeit entscheiden. Ein gewichtiges Argument gegen die PID sind ferner die internationalen Erfahrungen, nach denen eine Begrenzung auf Einzelfälle nicht möglich ist.