Fachgespräch der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen zur Patientenberatung nach § 65 b SGB V
Ende Juni 2005 ist die vierjährige erste Modellphase der unabhängigen Patientenberatungen nach § 65 b SGB V ausgelaufen. Das war für Biggi Bender als gesundheitspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Anlass, zu einem Fachgespräch einzuladen. Zusammen mit VertreterInnen der wissenschaftlichen Begleitforschung, ProjektmitarbeiterInnen aus dem gesamten Bundesgebiet und VertreterInnen der gesetzlichen Krankenkassen wurden am 3. Mai 2005 die bisherigen Entwicklungen und Erfahrungen reflektiert und Strategien für die Zukunft konkretisieren.
Je zwei VertreterInnen der fünfzehn personal-kommunikativen bzw. der sieben vornehmlich virtuell arbeitenden Projekte stellten ihre Arbeit und ihre Visionen für die Zukunft der Patientenberatung vor. "Persönlicher Kontakt in einer regional aufgestellten Beratung" hält Katja Bakarinow-Busse von der Patientenberatung Herdecke für bedeutsam und auch Annelie Braumann von den Verbraucherzentralen Schleswig-Holstein, Thüringen und Brandenburg bestätigt, dass Patientenkompetenz vor allem über individuelle Anfragen per Telefon und "face-to-face" vermittelt werden kann. Abholende oder zugehende Formen der Beratung spielen in der immer unübersichtlicher werdenden Gesundheitsversorgung, besonders für Menschen mit Migrationshintergrund oder PatientInnen aus bildungs- und einkommensschwachen Gruppen, eine große Rolle. Hier bedarf es eines direkten, niedrig schwelligen Kontakts, z.B. im Quartier oder im Alltag.
Einen neuen Horizont konnten auch die Darstellungen der Beratungsangebote mittels Internet eröffnen: "Ein eigenständiger sozialer Raum", so Dr. Martin Grunwald vom Leipziger ab-server.de, konnte für und mit PatientInnen mit Essstörungen aufgebaut werden, in dem der anonyme und datengeschützte Erstkontakt bezüglich eines für die Betroffenen sehr heiklen und intimen Gesundheitsproblems in professionelle Bahnen gelenkt werden konnte. Ziel des von Carola Gold (Gesundheit Berlin e.V.) vorgestellten Projekts ist es, das vielfältige Angebot Berlins - "Es gibt alles, aber wie finde ich das, was ich suche?" transparent sowie für PatientInnen, die virtuelle Informationen bisher kaum nutzen, zugänglich zu machen. Die "Verstetigung und Verbreiterung" der Beratungslandschaft hält Carola Gold für das gemeinsame Ziel aller Patientenberatung.
Diesen Ball nahmen Frau Dierks (Wissenschaftliche Begleitforschung) und Herr Dehlinger (AOK-Bundesverband) für ihre Schlussfolgerungen auf. Die Wissenschaftlerin hält für die zukünftige Gestaltung der unabhängigen Patientenberatung in Deutschland die Vernetzung einer sinnvollen, aufeinander bezogenen Vielfalt unterschiedlicher Beratungsformen und -medien für wichtig. Sie denkt dabei an ein Miteinander von landes- oder bundesweit erreichbaren themenspezifischen, mit von regional verankerten generalistischen Beratungseinrichtungen. Herr Dehlinger, der die Spitzenverbände der Krankenkassen vertrat, spitzte die Vorstellung der zweiten Modellphase nochmals zu und forderte "gebündelte Kompetenz, vernetzte, bedarfsorientierte Vielfalt und Struktur bildende Entwicklung" in Form eines Modellverbundes. Die Ausschreibung zur zweiten Modellphase liegt vor. Über die Bewerbungen soll bis Herbst entschieden werden und neuer Förderungsbeginn soll Januar 2006 sein. Dabei ist es von besonderer Bedeutung, so Prof. Dr. Rolf Rosenbrock vom wissenschaftlichen Beirat der Modellprojekte, in Zukunft mit begrenzten Mitteln auch den Bedarf an Beratung zu decken, der im Moment kaum bedient wird. Vorrangig werden dabei gender-, schicht- und migrantenspezifische Angebote für die Ratsuchenden sein, die bisher zwar schwächer vertreten sind, aber einen besonders dringenden Bedarf haben.
Wie ein solcher Verbund in Zukunft aussehen soll, wollte keiner der Anwesenden konkret festlegen, jedoch war man sich einig, dass eine umfassende Patientenberatung mit dem kreativen Potenzial und den wertvollen Erfahrungen der Anwesenden qualitätsgesichert und nachhaltig in das bestehende Gesundheitssystem zu verankern ist.
Die Präsentationen der Projekte können auf der Homepage der grünen Bundestagsfraktion www.gruene-fraktion.de herunter geladen werden.

