Reisebericht zur Berlinfahrt auf Einladung der Bundestagsabgeordneten Biggi Bender - von Fridtjof Schmidt-Eisenlohr
Etwa 50 TeilnehmerInnen waren der Einladung von Biggi Bender gefolgt, für 4 Tage in der Zeit vom 17. bis 20. Oktober 2007 politische und geschichtliche Details in Berlin kennen zu lernen. Die Gruppe bestand aus diversen Gruppen Jugendlicher (darunter 18 TeilnehmerInnen des Gemeinnützigen Bildungsjahr der Stadt Stuttgart), Mitgliedern von Bündnis 90/Die Grünen, u.a. auch die Kreisvorsitzende der Stuttgarter Grünen Irmela Neipp-Gereke, oder Sympathisanten dieser Partei.
Am Mittwoch, den 17. Oktober 2007 traf sich die Runde am Gleis 10 des Stuttgarter Hauptbahnhofes (Kopfbahnhof!). Dort warteten wir auf den IC690, der uns - ohne umsteigen zu müssen - in ca. 5 ½ Stunden direkt zum neuen Berliner Hauptbahnhof brachte. Dort wurden wir vom Bus abgeholt und mit einem kleinen Besichtigungsumweg zum Hotel Express by Holiday Inn gebracht.
Kurz darauf gab es das erste gute Essen, so wie dies an allen anderen Tagen auch der Fall war. Dabei wurde stets auf die Vegetarier und die Nichtraucher Rücksicht genommen.
Der erste volle Tag in Berlin begann mit einer Rundfahrt vorwiegend im Bezirk Kreuzberg. Dabei lernten wir etliche Besonderheiten kennen, von denen jeder Stadtteil Berlins seine ganz „Eigenen“ zu bieten hat.
Beim Besuch im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit wurden wir über die Aufgaben des Ministeriums informiert. Auf der einen Seite sieht man, wie viel Deutschland in der Entwicklungshilfe tut, auf der anderen Seite muss man auch erkennen, wie schwierig es ist, sicher zu stellen, dass die Hilfe tatsächlich bei den Hilfsbedürftigen ankommt.
Ein Schwerpunkt, der seit einigen Jahren verfolgt wird, ist die Förderung der Hilfe zur Selbsthilfe. Im Rahmen der Globalisierung wird es immer schwieriger, gezielt Hilfe zu leisten, da die Länder, die Hilfe benötigen, oftmals geplagt sind von Korruption und langwierigen Machtkämpfen. Dabei ist es erforderlich, immer neue Wege und geeignete Partner-Organisationen zu finden.
Einen besonderen Höhepunkt stellte die Besichtigung des Bundeskanzleramtes dar. Abgesehen davon, dass alle Einrichtungen für das politische Tagesgeschäft vorhanden sind, stellt das Gebäude architektonisch und in der optimalen Klimatisierung eine Besonderheit dar. Die zeitgenössische Kunst und die schönen Ausblicke auf die anderen Regierungsgebäude sowie auf den Potsdamer Platz wären dazu geeignet, von der Regierungsarbeit abzulenken.
Am Tag darauf stand zunächst der Besuch des Reichstags auf dem Programm. Im Plenarsaal waren wegen der sitzungsfreien Woche keine Abgeordneten zu sehen. Dort wurden wir über die historische und politische Bedeutung dieses Hauses unterrichtet, insbesondere, dass es in diesem Gebäude immer demokratisch zuging. Im Anschluss daran fand eine Diskussionsrunde mit unserer Gastgeberin Biggi Bender statt, die sich nach einer kurzen Schilderung ihrer Arbeit in Berlin den Fragen der TeilnehmerInnen stellte. Die interessante Debatte hätte den restlichen Tag dauern können, wenn uns das dichte Programm nicht als nächstes auf die Dachplattform des Reichstages beordert hätte.
Die Kuppel des Stararchitekten Norman Foster konnte wegen Reinigungsarbeiten leider nicht betreten werden. Bei strahlendem Sonnenschein machte der Aufenthalt auf der Plattform dennoch viel Spaß. Dort entstand ein wunderbares Gruppenbild mit Biggi Bender.
In der Landesvertretung Baden-Württemberg wurden wir über die Lobbytätigkeit der Länder der BRD informiert. Es gab Gerichte und Getränke aus dem Ländle, die uns Schwaben, die eine längere Zeit ohne Spätzle nur schwer überstehen, für die weiteren Programmpunkte fit machte.
Auf der Fahrt nach Hohenschönhausen fuhren wir durch einen Teil des ehemaligen Todesstreifens, wo es viele Fluchtopfer zu beklagen gab. Der Name Hohenschönhausen passt überhaupt nicht zu der ehemaligen „Zentrale Untersuchungshaftanstalt Stasi“. Dort wurden wir von ehemaligen Opfern dieser Anstalt geführt. Diese Informationen gingen unter die Haut und riefen Erinnerung an den Film „Das Leben der anderen“ wach. Es kam auch etwas Licht hinter das „Freikaufen von politisch unerwünschten Personen“. Dieser Besuch sollte eigentlich jeden umstimmen, welcher der „DDR“ noch eine Träne nachweint. Ich unterstelle, dass in unserer Besuchergruppe keiner dieser „ewig Gestrigen“ dabei war.
Am Abreisetag machten wir uns in der Nähe des Hackeschen Markts auf die Spuren jüdischen Lebens. Zunächst besuchten wir das im vergangenen Jahr eröffnete Anne Frank Haus, neben dem in Amsterdam das einzige dieser Art. Dort erfuhren wir viele Details aus dem Leben ihrer Familie und den schwierigen Lebensverhältnissen unter der Nazi-Herrschaft.
Die Besichtigung der näheren Umgebung führte uns zu einer jüdischen Schule. Die Referentin des Anne Frank Zentrums berichtete vom immensen jüdischen Einfluss auf das deutsche Wirtschaftsleben und die deutsche Kultur. Hier sei stellvertretend der Name Mendelsohn genannt. Auf dem Weg dorthin wurden wir auf Stolpersteine hingewiesen, wie wir sie auch in Stuttgart kennen. Diese erinnern jeweils an jüdische Mitbürger, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden.
Dass es auch Bürger gab, die jüdische Mitbürger vor der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zu retten versuchten, wurde uns in der Otto Weidt Blindenwerkstatt gezeigt. Wenn Otto Weidt doch das Leben einiger seiner Angestellten rettete, so konnte er leider nicht alle vor dem Tod bewahren.
Nach dem Mittagessen unter den Bögen der Stadtbahn von Berlin (so heißt die 1882 eröffnete Strecke auf den Arkadenbögen zwischen Charlottenburg und dem Ostbahnhof), wurden wir frühzeitig zum Berliner Hauptbahnhof gebracht. Wir hatten noch genug Zeit, den neuen Bahnhof zu bewundern. Er ist in erster Linie ein Konsumtempel, in dem auch Züge fahren. Das Umsteigen von der oberen Gleisebene zu unteren Gleisebenen ist für Fahrgäste ein besonderes Geduldsspiel.
So etwas Ähnliches wird uns in Stuttgart mit dem Prestigeprojekt „Stuttgart 21“ blühen. In Berlin war die Abrundung der Verkehrsinfrastruktur prinzipiell erforderlich und es wurden viele Entwürfe verglichen, bevor diese Version gebaut wurde.
Pünktlich fuhren wir mit dem ICE 693 zurück nach Stuttgart. Bis kurz vor Mannheim verlief alles planmäßig. Die Strecke von Frankfurt (Main) nach Mannheim sowie der Mannheimer Hbf stellen einen gravierenden Engpass dar, dessen Ausbau auch aus finanziellen Gründen seit Jahren hinausgeschoben wird. Das Geld wird für Stuttgart 21 gespart.
Schließlich kamen wir mit ca. 15 Minuten Verspätung an. Zum Glück haben die Lokführer an diesem Tag nicht gestreikt, sonst wäre die Bahnfahrt wohl zu einem größeren Abenteuer geworden.
Die TeilnehmerInnen bedanken sich bei der Wahlkreismitarbeiterin Sandra Weber für die vorzügliche Organisation und die immer souveräne Betreuung während der ganzen Reise.
Ein ganz besonderer Dank gebührt Biggi Bender, die uns die Fahrt ermöglicht hat und mit der wir vollkommen offen diskutieren konnten. Eine erfrischende Abwechslung zu manchen anderen Diskussionen mit PolitikerInnen, bei denen das Taktieren wichtiger ist als das offene Gespräch.

